kolumne

"Emanuelles Apfelbäume"

Zu meinen größten persönlichen Schwächen, von denen ich noch nie jemandem erzählt habe und für die ich mich sehr schäme gehört es, dass ich ab und an gerne Homeshopping-Kanäle schaue. Ich tue dies in einer Art und Weise wie andere Leute ihre heimliche Nikotinsucht befriedigen, Klebstoff schnüffeln, oder die Nachbarin beim Duschen mittels eines Fernglases beobachten. Nur dann also, wenn ich mich unbeobachtet fühle. Doch selbst in meinem Wohnzimmer, bei verriegelter Tür und abgedunkeltem Licht ertappe ich mich noch häufig dabei, wie ich mich bei leisen Geräuschen panisch umgucke, wenn vor mir einer der Einkaufs-Sender über den Bildschirm flimmert. Gehe ich meiner geheimen Passion nach, so halte ich immer den Daumen auf dem Kanalwahlschalter der Fernbedienung um im plötzlichen Fall unerwarteten Besuchs zu einer harmlosen Tiersendung oder der Oper auf 3Sat umschalten zu können.
Die Herren unter ihnen, werte Leser meiner Kolumne, kennen dieses Verhalten in Verbindung mit dem Anschauen von Softerotik Filmen mit klangvollen Titeln wie „Emanuelle im Garten der Brüste“ oder „Emanuelle in Afrika“. Diese Emanuelle muss verdammt viel in der Welt rumgekommen sein. Wahrscheinlich sitzt sie jetzt in einem großen, mit rotem Samt bespannten Ohrensessel und erzählt ihrer Schar von Enkeln der verschiedensten Hautfarben von all den wunderlichen Orten. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass das Betrachten von Dauerwerbesendungen noch weitaus verachtenswerter und anstößiger ist als ein gelegentlicher Abstecher in Emanuelles Garten. Manchmal fühle ich mich ganz schmutzig, nachdem ich mir die Präsentation des neuesten Beutellosen Staubsaugers oder der allesentsaftenden Saftpresse angesehen habe.
Saftpressen gehören überhaut zu meinen Lieblings Teleshop-Produkten. Neulich erst wohnte ich der Vorstellung eines solchen Gerätes in einer Zwei-Uhr-Nacht Ausstrahlung bei. Ich vermute fast, dass es sich dabei um eine Wiederholung handelte. Meine Phantasie reicht einfach nicht aus, um mir zwei erwachsene Männer vorzustellen, die sich weit nach Mitternacht mit albernen Schürzen ausgestattet in ein Fernsehstudio stellen und Obst entsaften.

Jedenfalls handelt es sich bei diesem Entsafter um eine erstaunliche Erfindung. Zunächst einmal ist er riesengroß. Ein enormes Ungetüm von der Größe vierer übereinandergestapelter Brotschneidemaschinen. Und sie alle wissen, welch ein Ungetüm so eine Brotschneidemaschine ist. Jeder der nicht Besitzer einer Großküche ist, oder in einer alten Fabrikhalle wohnt, müsste wahrscheinlich eigens für den Entsafter einen Anbau machen, oder zumindest die Wand von der Küche zum Kinderzimmer durchbrechen um die Haushaltshilfe unterzubringen. Meine Zweifel bezüglich der Größe wurden jedoch vom Verkäufer (ist ein Homeshopping Moderator auch ein Verkäufer?) prompt ausgeräumt. Dieser wusste zu berichten, dass die respektable Größe ein Zeichen ungebändigter Entsaftungskraft sei. Klar sagte ich mir, das leuchtet ein, sollen sich doch andere mit kraftlosen Saftpressen zufrieden geben, nur weil sie zu faul sind in eine größere Wohnung umzuziehen.
So beachtlich wie die Größe des Saftgenies ist auch die von ihm produzierte Lautstärke. Dazu sei erwähnt, dass der Benutzer zwischen 800 Umdrehungen für weiches Obst und Gemüse oder 1500 Umdrehungen für hartes wählen kann. Ist doch albern, mag man jetzt denken. Warum soll ich mein weiches Obst nicht auch mit 1500 Umdrehungen zerquetschen? Die Sinnhaftigkeit dieser Option wird beim Einschalten des Apparates klar: Während die Weichobsteinstellung lediglich das liebliche Flüstern eines anfahrenden LKWs mit Auspuffschaden vernehmen lässt, sorgt die Ultra-Entsaftung mit 1500 Umdrehungen für einen Klangteppich wie er sonst nur von startenden Flugzeugen erzeugt wird. Der triebwerkähnliche Lärm des Geräts hinderte mich in diesem Moment daran, die Worte der Moderatoren zu verstehen. Ich glaube jedoch vernommen zu haben, dass sie sich darüber austauschten, dass dieser kraftvolle Klang ein untrügliches Zeichen grenzenloser Entsaftungskraft sei. Natürlich! Und außerdem: Wer will sich schon während des leidenschaftlichen Entsaftungsvorgangs mit seinen Gästen unterhalten? Ich weiß nicht wie es mit ihnen ist, aber ich pflege alleine zu entsaften. Und auch einen Gehörschutz würde ich gerne für den gesunden Saftgenuss in Kauf nehmen.
Die Entsaftung selbst ist übrigens das eindrucksvollste. Der Einfüllstutzen der Turbopresse besitzt nämlich einen Durchmesser, der es ermöglicht mühelos ganze Äpfel hineinzustopfen. Herrlich wie die Früchte hineinpurzelten und unter großem Getöse verschwanden. Sie müssen sich das vom Klangerlebnis her ungefähr so vorstellen wie eine in einen Gartenhäcksler stürzende Taube. Aber bitte experimentieren sie zu Hause jetzt nicht mit einem Häcksler, Brotkrumen oder einem Schrotgewehr. Stellen sie es sich einfach vor. Das Resultat von einigen Dutzend am einen Ende hineingestopften Äpfeln war ein klägliches fahlgrünes Rinnsal am anderen Ende der Maschine. Ungefähr zwei Finger breit füllte der Saft das kleine Glas. Ich bin sicher, mit dem Ertrag eines mittelgroßen Baumes hätte man das ganze Glas füllen können.

Nur das beste aus der Natur. Und so einfach. Warum mache ich mir immer noch die Mühe und beanspruche meine kostbare Kiefermuskulatur beim Apfelessen, wenn ich für knapp unter 200 Euro ein solches Wunderwerk an Effizienz erwerben kann? Und wenn’s mal nicht für ein ganzes Glas reicht...na, dann spritzt man sich das Zeug eben gleich intravenös. Man darf nicht so kritisch sein als Homeshopping Fan.


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