Mitternachts-Gedanken Haben sie schonmal nach 2 Uhr nachts ferngesehen? Ich bin Überzeugt, das haben sie. Es mag sie erschrecken, aber bei mir kommt das überaus häufig vor. In meiner Eigenschaft als Chatter und Internetfreak habe ich oftmals stundenlange Phasen beharrlichen Schweigens zu überwinden. "Schweigen" meint in diesem Zusammenhang den Stillstand der Textzeilen im Chat, bzw. den Zustand in dem die Übertragungsgeschwindigkeit meines Internetzugangs gegen minus-unendlich geht. In solch schweren Zeiten habe ich in meinem Fernseher einen treuen Kumpanen, der mit seinen tausend Stimmen die erdrückende Stille bricht, und mir das Gefühl vermittelt, kein kommunikationsunfähiger, abgestumpfer Medienjunkie mit einer Gesichtsfarbe nahe an der eines guten italienischen Mozarella zu sein... wie gesagt: Das ist nur so ein Gefühl. Doch was muss ich in jüngster Zeit miterleben. Oh Weh und Ach ! Das Fernsehen verkommt immer mehr zu einem Tummelplatz gehirnamputierter, von Sozialhilfe lebender Transvestiten, die gerne Volksmusik hören. Nun werden sie sagen: "Das wissen wir doch schon seit RTL die erste Sendung ausstrahlte". Ja, schon möglich, aber Nachts wird alles noch viel, viel schlimmer... Über Nacht mutieren die Intendanten der Sender zu unmenschlich, grausamen Zombies, die ihre Armee der Finsternis auf die wenigen übriggebliebenen Zuschauer loslassen. In Form seniler, sabbernder Moderatoren mit Frisuren, die zu sagen scheinen "Ich bin von einem Mähdrescher überfahren worden" kommen sie daher. Sie führen uns in ihren Talkshows Gäste vor, deren hohler Schädel beinahe einen so starken Unterdruck erzeugt, dass man in den Fernseher gesogen wird und die zu grenzenlos bedeutungslosen Themen wie "Mein Hund frisst mein Chappi nicht mehr" oder "Hilfe! Mein Meerschweinchen schwimmt nicht mehr mit den anderen Fischen" ihren geistigen Dung von sich geben. Andere wiederum präsentieren uns einen Quader aus Wellblech in den einige ganzkörperrasierte Orang-Utans eingepfercht sind und sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, während sie ihre unverständlichen, wilden Laute von sich geben. Die Leute, die bei RTL2 das Programm machen haben das "Big Brother" genannt... ich weiss bis heute nicht warum. Es muss wohl eine irgendwie sakrale Bedeutung haben. An wieder anderer Stelle begegne ich schier endlos andauernden Werbesendungen. Das wäre ja noch nicht so schlimm, wenn für Butter, Milch, Leinsamen, Kondome, oder ähnlich nützliche Dinge geworben würde. Aber nein... hier wirbt man für Frauen, bzw. deren zweifelhafte Dienstleistungen, die dem Nutzer irgendeine Art der Befriedigung bringen sollen. Mittels eines simplen Telefons gelangt man in Kontakt zu den epileptisch zuckenden Damen, die aus ganz unerfindlichen Gründen grosse Schmerzen zu haben scheinen unter deren Pein sie herzergreifend stöhnen. Der Anbieter dieser Hotlines mit ihren einprägsamen Rufnummern (warum habe ich so eine komplizierte??) informiert uns ganz nebenbei in mikroskopisch kleiner Schrift am unteren Bildrand darüber, dass sein Angebot günstige 123,40 DM pro 12 Sekunden kostet. Naja, in einem guten Bordell zahlt man sicher mehr für eine Tasse Kaffee mit einer der Damen, oder? Aber nicht verzagen liebe Spätseher. Es bleibt uns ja noch der eigens eingerichtete Homeshopping-Sender, das heisst, einer von 23. Dort findet man die Ruhe und Entspannung die man sonst vergeblich sucht. Freundliche Klempner mit unverkennbar sächsischem Akzent preisen hier ihren Saug-und-Blaspümpel "Rohrfrei 2000" an, mit dem man selbst den Hamster wegpustet, der seit letztem Weihnachten den Abfluss der Dusche verstopft. Hier werden die wahren Probleme der Menschheit gezeigt, und auf eine Weise gelöst, die auch der Insasse der Nervenheilanstalt von nebenan nachvollziehen kann. So ist sie, die Fernsehwelt nach Mitternacht. Sie hat für uns alle kleine Wunder parat. Wir müssen nur den Fernseher einschalten und nach ihnen greifen. Übrigens ist gerade das Kaminfeuer bei SuperRTL ausgegangen... schade... ich hatte gerade geglaubt, den Hauch von Wärme spüren zu können... Buster, 12.10.00