Normalerweise bin ich ja selten von der Plakatwerbung auf den Straßen beeindruckt. Allenfalls die kaum bekleideten Damen aus der Dessous-Werbung von H&M und Konsorten erregt ab und an meine Aufmerksamkeit. Dann allerdings bin ich so gebannt, dass ich schon so manchem Auffahrunfall nur knapp entgangen bin. In jüngster Zeit aber, liebe Leserinnen und Leser, passiert mir das auch immer öfter mit einer gleichsam geistreicheren Werbekampagne an deutschen Fassaden. Sie verspricht uns etwas nie dagewesenes: „Kraft zum Leben" „Kraft zum Leben", so heißt die mystisch anmutende Zauberformel, die wir nicht nur auf besagten Plakatwänden und Litfasssäulen, sondern auch in unserer Lieblings- Fernsehzeitschrift zwischen Montag und Dienstag finden und die uns gar in Form dieser verhassten losen Beilagen in der Zeitung, die einem beim ersten durchblättern entgegenfliegen, begegnen. Sie kennen das ja: Man schlägt ahnungslos die Bild am Sonntag oder die ct auf und wird mit einer Salve von Werbebeilagen beschossen...danach ist die Zeitschrift gleich nur noch halb so dick! Aber ich schweife ab. „Kraft zum Leben" hieß es vor einigen Wochen auch in Fernsehwerbespots. Davon hat man uns aber schon wenig später aus gewissen Gründen erlöst. Doch was mich nun beschäftigt ist, was hinter diesem knallharten Slogan und dem kleinen, blauen Buch steckt, auf dem selbiger in großen, selbstsicher anmutenden Buchstaben prangt. In der Werbung lächeln uns einige, mehr oder weniger angestaubte Fossilien deutscher Prominenz aus Entertainment oder Sport aufmunternd entgegen. Neben den maskenhaft grinsenden Berühmtheiten, die wir vereinzelt schon in ihren kühlen Grüften wähnten, teilen diese uns erstaunliches mit. Bernhard Langer zum Beispiel, der Mann mit den vielen Löchern, verkündet mir soeben auf einer schmucken Broschüre, die ich hier in meiner Hand halte mit: „Mein persönlicher Glaube an Gott macht mich zu einem besseren Ehemann, zu einem besseren Vater, zu einem besseren Menschen." Da bin ich aber platt! Ich habe mich zwar nie gefragt, ob Herr Langer verheiratet ist oder Kinder hat, geschweige denn ob er Christ, Buddhist oder Hindu sein mag. Ich schaue ja nichtmal Golf! Aber das interessiert mich nun doch. Ich lese also weiter, dass unser Bernhard trotz Ruhm und Reichtum nicht immer ein glücklicher Mensch war. Durch eine ernste Lebenskrise half ihm ein befreundeter Golfer mittels dieses tollen Gratis-Buchs, durch das er seinen „persönlichen Glauben „ fand! Ich bin beeindruckt. Wenn das blaue Wunderbuch sogar einem passionierten Golf-Profi durch die dunklen Zeiten des Lebens helfen kann, dann gelingt das sicher auch bei einem sterblichen Nicht-Golfer. Und es nimmt mir auch noch die ganze Arbeit ab! Bisher war ich der Ansicht ich müsse selbst aktiv werden um einen „persönlichen" Glauben zu entwickeln, doch scheinbar weiß der Verfasser des Buches so gut über mich Bescheid, dass ich nun nur noch lesen muss, was er für mich bereithält. Erstaunlich. „Kraft zum Leben" möchte offensichtlich die Bibel der TV-Junkie-Generation sein. Mal schnell einen Blick ins Büchlein werfen und Glückseligkeit finden. Stattdessen ist es nur ein Beispiel dafür, wie mit dem Elend und der Perspektivlosigkeit vieler Menschen unserer Zeit gespielt wird. Wer keine Perspektive hat und in Schwierigkeiten steckt, dem hilft heutzutage in den seltensten Fällen noch ein freundlicher Mitmensch. Wer nicht weiß, wie er sich helfen soll, der ist ein dankbares Opfer für Scharlatane und falsche Gurus mit dubiosen Zielen. Ich habe keinen Schimmer ob hinter „Kraft zum Leben" ein verrückter Guru steckt, der sich selbst für einen Halbgott hält und mittels seiner hirnlosen Schwamm-Lakaien die Weltherrschaft an sich reißen will, oder doch nur einige leicht verdrehte blassnasige Wachturm-Verkäufer-Verschnitte im grauen Sakko. Ich weiß auch nicht wo der Haken bei der Sache ist und wie die Begründer der Idee damit Profit machen (und ich bin sicher den machen sie), aber ich habe vor das herauszufinden. Alles was ich bisher weiß ist, dass es eine traurige Zeit ist in der die Menschen vorgetäuschte Zuwendung und Aufmerksamkeit von scheinheiligen grinsenden Affen beziehen müssen, statt echte von ihren Mitmenschen zu bekommen. Aber ich fürchte dieses Konzept wird immer aufgehen. Bestellen Sie sich das Wunderbuch ruhig, liebe Leserinnen und Leser. Immerhin kostet es nichts. Und es ist hübsch blau. Versprechen sie mir nur, dass sie es als das betrachten, was es ist eine lustige Bauernfängerei im großen Maßstab. Wenn sie wirkliche Probleme haben, dann lösen sie sie nicht mit diesem böswillig beschmutzten Papier, sondern rufen sie mich lieber an...ruhig auch Nachts. Ich kann Ihnen vielleicht nicht helfen, aber ich höre zu, brumme bedeutungsvoll vor mich hin und verlange nichtmal etwas dafür. Und das ist allemal mehr als „Kraft zum Leben" zu bieten hat. Buster, 19.02.02