Nur die Starken überleben „Entschuldigung, sind sie Tierfreund?". Meinen Blick Richtung Asphalt gewendet gehe ich an dem Mann vorbei, der versucht mir sein Klemmbrett unter die Nase zu halten. „Hallo, sie! Hätten sie vielleicht eine Minute für die Tiere?". Ich beschleunige meinen Schritt und versuche immer noch den Eindruck zu erwecken, ich hätte nichts gehört. Einige Meter weiter gibt der hartnäckige Verfolger auf, jedoch nicht ohne mir vorher noch ein frostiges „Na, vielen Dank auch!" nachzurufen. Meine Nackenhärchen stellen sich auf. Ich werfe einen flüchtigen Blick auf die Uhr: Vier Uhr nachmittags. Um diese Zeit erwachen die gefürchtetsten Jäger der Fußgängerzone hungrig aus ihrem Mittagsschlaf. Die Seelenlosen Geschöpfe haben es nur auf eins abgesehen...meine Unterschrift! In ihren messerscharfen Krallen halten sie Fragebögen, Kugelschreiber oder Spendendose und stellen den ahnungslosen Passanten nach. Da lauert auch schon die nächste Gefahr! Einige Meter vor mir hat sich einer der unberechenbarsten Räuber auf die Lauer gelegt: Ein gelber Engel! Es ist ein großer Rüde, voll ausgewachsen, der glaubt hinter seinem ADAC-Stand unentdeckt geblieben zu sein. Doch ich kenne die Wildnis. Als ich seinen Unterschlupf fast erreicht habe, mache ich einen plötzlichen Ausfallschritt nach links. Beinahe kommt es zu einer Kollision mit einer Herde scheuer Rentnerinnen, die von Norden kommend das selbe Manöver anwenden. Geschickt kann ich mich vorbeischlängeln und flüchte in das nächstgelegene Geschäft, wo ich mich hinter dem ersten Regal verstecke. Von draußen schallt noch der verzweifelte Ruf des überraschten Jägers: „Junger Mann? Haben sie nicht vielleicht Interesse an einer Mitgliedschaft?". Doch er wird auf ein unerfahreneres Opfer warten müssen. Als ich bemerke, dass meine Zuflucht ein Geschäft für Damenunterwäsche ist und man mich schon argwöhnisch beobachtet, wie ich da zwischen den Strings und Push-Ups kauere, mache ich mich schnell aus dem Staub. Draußen scheint die Luft rein zu sein. Die Fußgänger scharen sich friedlich um eine große Futterquelle, während ich selbst das McDonalds passiere und in eine dunklere Seitengasse schleiche, in der ich mich unbeobachtet fühle. Auf der anderen Seite angekommen schlage ich meinen ursprünglichen Weg wieder ein. Doch da bemerke ich das Grauen: Zwei schmalbrüstige Zeugen Jehovas versuchen einen Frontalangriff! Diese gefährliche, oftmals von arglosen Spaziergängern unterschätzte Spezies jagt stets zu zweit. Ich weiß, dass sie mich nicht einkesseln dürfen, doch für eine Flucht ist es zu spät. Sie haben mich schon ins Visier genommen und eilen mir mit versteinerter Miene entgegen. Jetzt hilft nur noch ein Täuschungsmanöver, dass ich einst im Dschungel der Großstadt gelernt habe. Ruhig warte ich ab, bis die beiden lautlosen Killer mich erreicht haben. Ich weiß, dass ich keine Angst zeigen darf. Sie riechen das. Einer der beiden blockiert meinen Fluchtweg mit einem Wachturm, den er mir in Augenhöhe vors Gesicht hält. Jetzt! In dem Moment als der zweite seinen Mund öffnet um mich zu einem Gespräch über Jesus aufzufordern deute ich hinter die beiden und schreie entsetzt: „Oh mein Gott! Die Typen von Scientology!!" Beide drehen sich erschrocken um und ich nutze die Gelegenheit zur Flucht. Auf meinem Weg renne ich an einem völlig verdutzten Mädchen vorbei, die Trekkingtouren mit dem Mountainbike anbietet. Ich rufe ihr nur kurz zu: „Ich bin Bluter!" und schlage einen große Bogen um ihren Informationsstand. In etwa 50 Meter Entfernung komme ich zum stehen. Mit einem kurzen Blick zurück versichere ich mich, dass die Zeugen mir nicht auf den Fersen sind. Dann lehne ich mich erschöpft keuchend an die Litfasssäule und verschnaufe einige Sekunden. Als ich gerade wieder Luft bekomme spüre ich ein zaghaftes Tippen auf meine Schulter. Ich schaue auf, direkt in das freundlich lächelnde Gesicht einer jungen Frau. Mit einem atemberaubenden Augenaufschlag haucht sie mir zu: „Entschuldigung, kann ich sie mal was fragen?". Geblendet von ihrer Schönheit erwidere ich: „Aber klar. Was immer sie möchten." Und ihre blauen Augen strahlen mich an, als sie fragt: „Sind sie ein Tierfreund?". Meine Hände beginnen zu zittern, mein Hals wird trocken, das Blut schießt mir in den Kopf, meine Nüstern beben und ich brülle ihr aus leibeskräften ins Gesicht: „Nein!! Ich bin kein verdammter Tierfreund! Als ich 5 war hab ich meinen Hamster in die Mikrowelle gesteckt, in meinem Garten habe ich Bärenfallen aufgestellt, damit die Köter nicht auf den Rasen scheißen, diesen Sommer fahr ich zur Großwildjagd nach Afrika, zu Hause habe ich einen Billardtisch mit Kugeln aus Elfenbein und gestern hab ich meiner Freundin einen Nerzmantel gekauft und die dazu passende Krokoleder-Tasche! Ich bin verdammtnochmal kein Tierfreund, kapiert!!!???" Sekunden später bricht die junge Dame in Tränen aus, lässt ihr Klemmbrett fallen und läuft schluchzend davon. Langsam hebe ich es auf, hole den Kugelschreiber aus meiner Tasche und unterschreibe das Formular. Ich lege das Brett zurück auf den Infostand und schlendere pfeifend davon. Wissen sie...eigentlich mag ich Tiere ganz gerne. Buster, 30.06.03