Die Superstar-Maschine Hallo liebe Leserin, hallo lieber Leser! Sind sie ein Superstar? Gehören sie vielleicht einer neuen Erfolgs-Band an, die ich noch nicht kenne? Sind sie Modell oder vielleicht ein Comedian mit eigener Show im Fernsehen? Nein? Das beruhigt mich, denn dann können wir offen reden. Sie wundern sich über meine Fragen? Dann haben sie entweder keinen Fernseher oder die letzten Monate in den Schottischen Highlands verbracht. Ich lebe in einem modernen Haushalt, in dem es leider mehrere Fernseher gibt. Und zu meinem eigenen Bedauern leide ich auch an der weitverbreiteten Wohlsandskrankheit, eines dieser Geräte einzuschalten, wenn ich mal wieder zuviel Zeit oder einfach nur Langeweile habe. Wann immer ich dies in den vergangenen Monaten tat sah ich vor allem eines: Castingshows! Es ist unfassbar! Wie Pilze schießen sie aus dem nahrhaften Boden der privaten Sendeanstalten. Man kann kaum mehr über zwei Sender hinwegzappen, ohne auf ein Exemplar dieses Genres zu stoßen. Ich wage sogar zu behaupten, dass Castingshows die Pestilenz des frühen 21sten Jahrhunderts sind...und ein Gegenmittel ist nicht in Sicht. Alles und jeder wird gecastet. Niemand ist zu hässlich, zu dumm, oder singt zu schlecht. Tatsächlich sind gerade die dummen, hässlichen und stimmbehinderten gefragt, denn die machen die Quote. Sat1 hat vorgemacht wie Casting im ganz großen Maßstab zur besten Sendezeit aussehen kann. Statt sich auf die Zerstörung nur eines künstlerischen Metiers zu konzentrieren, bombardierte man hier gleich vier verschiedene Kategorien mit den Kamikaze-Newcomern. Bei den „Sängern über 16" gröhlten sich verkrachte Existenzen die Seele aus dem Leib um endlich von der Sozialhilfe loszukommen und die morgendliche Flasche Korn in Zukunft durch eine Flasche Champagner zum Frühstück zu ersetzen. Eine sehr löbliche ABM. Ich bin begeistert. Die kleinen Sänger sind zwar auch arbeitslos, punkteten aber vor allem durch ihr knuddelig- knuffeliges Harry-Potter-Aussehen. Eine Kategorie für die Hausfrau, die sich endlich Enkelkinder wünscht und auch alle anderen Frauen mit ihrem Mutterinstinkt. Vergleichbar ist das ungefähr mit einer kleinen, neugeborenen Fohlen, dass unbeholfen über die Wiese stakst und sich alle paar Meter auf die Fresse legt: Es ist dumm...aber soooo süß! Ein Schelm wer böses dabei denkt, wenn die kleinen Racker aufgebrezelt mit Make-up und hippen Klamotten auf der Bühne stehen und sich pseudo-erotischer Gesten ihrer großen Vorbilder bedienen, deren Bedeutung sie wohl erst nach dem Sexualkundeunterricht in der Schule verstehen werden. Unbeholfen wie ein neugeborenes Kalb stolperte auch so manches Model über die Planken. Bis heute frage ich mich, welches die Entscheidungsgrundlage in dieser Kategorie war. Die Models sahen nämlich eigentlich alle gleich aus. Hätte man ihnen eine witzige Aufgabe gegeben, z.B. die ersten zwei Akte von Hamlet oder das Periodensystem der Elemente auswendig lernen, dann hätte man wenigstens noch was zu lachen gehabt. So konnte man allerhöchstens schmunzeln, wenn sich die Mädels, stutenbissig wie sie sind, bei der Entscheidung fast gegenseitig an die Gurgel gesprungen sind. Ansonsten war es sicherlich ein optischer Genuss für all jene, die zu Hause den Beate-Uhse-Kanal nicht empfangen und auch gerade keine Blitz-Illu zur Hand hatten. Ach ja, und dann waren da ja noch die Comedians! Hahaha, was hab ich gelacht. Ich musste mehrmals am Abend die Unterwäsche wechseln. Die Komiker sprühten geradezu vor neuen Ideen und brachten Schenkelklopfer, von einem Niveau, dass man sonst allerhöchstens auf dem Stammtisch eines Kaninchenzüchtervereins findet. Aber was gibt es entspannenderes als alte Gags, denn da weiß man wenigstens schon vorher genau, wann man lachen muss. Wer hat schon Lust sich am Abend vor der Glotze noch auf was neues zu konzentrieren. Das Studiopublikum wurde übrigens mit kostenlosen Antidepressiva versorgt. Der Saal kochte. Was für ein Spaß! Tja, liebe Leser, nun werden wir wieder einige Monate Freude an unseren kleinen und großen „Medien-Frankensteins" haben. Zusammengeflickt von wahnsinnigen Programmchefs aus den erfolgreichsten Teilen wirklicher Stars werden sie für kurzlebige Fernsehshows im Vormittagsprogramm verwurstet (die sich all die Arbeitslosen anschauen, die beim Casting nicht gewonnen haben) oder sie produzieren Platten, die dank zahnspangentragender Teenies, die jeden heiraten möchten, den sie öfter als einmal in der Flimmerkiste gesehen haben, sogar millionenfach verkauft werden. Wenn ihre Zeit dann wieder vorbei ist, spuckt die Industrie sie aus, und sie können sich ganz ihrem Werdegang als skandalträchtige, versoffene Ex-Stars widmen. Ich wäre ja dafür, eine Insel zu kaufen auf die man alle Ex-Superstars, Ex-Popstars und Ex-BigBrother-Bewohner nach dem Ende ihrer kurzen Laufbahn verfrachtet. Aber bitte ohne Schlauchboot und am besten irgendwo, wo es sehr viele Haie gibt. Das wäre mal ne Party.....für die Haie. Buster, 21.08.03