Gestern, liebe Leser, bekam ich eine kleine Kostprobe davon wie es ist, auf dem Schlachtfeld zu stehen. Mir als Ex-Zivi war dieses Gefühl bislang fremd und ich hoffte bis dato, dass dies auch so bleiben würde. Aber es gibt einen Tag im Jahr, an dem auch ein Kriegsdienstverweigerer, ob er will oder nicht, Krieg spielen muss: Silvester. Folgendes ist so geschehen am 31.12.03 in Düsseldorf. Es wurde nichts hinzuerfunden. Lediglich die Wahl der Worte mag verwirren. 2330 – Unser Landungsboot setzt uns wenige Kilometer vor den feindlichen Linien ab. Die Aufregung in der Truppe ist enorm. Eine spürbare Nervosität lässt die Männer kurze Zeit verstummen. Dann wird das stumme Signal zum Vorrücken gegeben. Nun hat der einzelne keine Wahl mehr: Unfreiwillig werde ich von den sich in Bewegung versetzenden Menschenmassen mitgezogen wie in einem reißenden Fluss. 2335 – Das Batallion ist in Bewegung. Grölend und von den bevorstehenden Ereignissen angeheizt bewegt man sich schnellen Schrittes in Richtung Schlachtfeld. Schon jetzt gibt es vereinzelte Übergriffe. Leere Flaschen kommen scheinbar aus dem Nichts und zerschellen gefährlich nah vor mir. Die Detonationen kleinerer Sprengkörper an allen Seiten erschüttern den Asphalt. 2340 – In der Ferne kann man schon die Schlacht erahnen. Das kreischende Wimmern startender Raketen erfüllt die Luft. Ich hebe meinen Blick und kann über den Häuserblocks den grellen, feurigen Schein ihrer Explosionen ausmachen. Die Kameraden hält jetzt nichts mehr. Erste Lieder werden angestimmt um die Nervosität zu unterdrücken. Aus Taschen und Rucksäcken holt man Sprengkörper verschiedener Größen hervor und wiegt sie bedächtig in der Hand. 2350 – Das Schlachtfeld ist er reicht. Die Stimmung am Siedepunkt angelangt. Die Massen haben sich auf einem großen Platz versammelt und harren der Dinge die da kommen. Einige starren geistesabwesend in die Luft und scheinen feindliches Feuer ausmachen zu wollen. Andere trinken sich mit großen Schlucken aus ihren Feldflaschen Mut an. Stimmengewirr, während wir nervös unsere Uhren vergleichen. Vor uns hat sich ein großer, menschenleerer Kreis gebildet, der als Abschussbasis für unsere Raketen dienen soll. Die zuständigen Männer kontrollieren den Zündmechanismus. Aufgrund der Kälte und zittriger Hände kommt es immer wieder zu verfrühten Zündungen, woraufhin die Kameraden sich laut warnend in Sicherheit bringen. 0000 – Ein unglaubliches Tosen geht durch die Menge. Die große Turmuhr hat den Zeitpunkt des Angriffs eingeläutet. Nun hält es niemanden mehr. Überall werden Sprengkörper gezündet und teils blindlings in die Menge geworfen. Erschrocken weichen kleinere Gruppen vor den Explosionen zurück und kontern ihrerseits mit Geschützen. Der Himmel ist erhellt vom Schein hunderter Raketen deren Asche Sekunden später auf unsere Köpfe herunterrieselt. Eine Kommunikation ist jetzt nicht mehr möglich. 0020 – Ein Sieg scheint gewiss. Überall liegen sich Kameraden in den Armen und feiern mit Alkohol und Zigarren den Triumph über den unsichtbaren Feind. Doch die Schlacht ist noch nicht geschlagen. Die Zahl der Explosionen hat sich nur unmerklich verringert und viele Fanatiker setzen das sinnlose Bombardement stur fort. Sie scheinen so vertieft, dass sie auch durch gutes Zureden nicht zu beruhigen sind. 0030 – Der Alkohol macht die verbliebenen Grenadiere unberechenbar. Immer wieder explodieren fehlgelenkte Geschosse. Das ist der Zeitpunkt sich zurückzuziehen. Ich sammle meine Einheit und gebe den Befehl sich nach Nord-Ost durchzuschlagen. Ein gewagtes Unterfangen, da wir auf diesem Weg das Schlachtfeld durchkreuzen müssen. Dennoch scheint es mir der einzige Ausweg zu sein, da alle anderen durch flüchtende Menschenmengen versperrt sind. 0035 – Wir setzen uns in Bewegung. Schnellen Schrittes nutzen wir geschickt jede sich anbietende Lücke aus um hindurchzuschlüpfen. Wo möglich suchen wir Schutz zwischen parkenden Fahrzeugen und Bäumen. Immer wieder müssen wir ausweichen. Nur Katzenartige Reaktionen ermöglichen es uns immer wieder funkensprühenden Sprengkörpern und gar horizontal über das Schlachtfeld rasenden Raketen zu entkommen! 0040 – Springend und rennend haben wir den Ort des Geschehens hinter uns gelassen. Alle in unserer Einheit sind unverletzt geblieben. Die Sanitäter haben allseits nur leichte Verletzungen zu behandeln. Ein leichter Trost für uns. Wir haben ein Lager von kampfesmüden Kameraden erreicht und lassen uns erschöpft nieder um erst mal durchzuatmen. Ein Schluck vom Schnaps und eine Zigarette helfen über den ersten Schock hinweg. Während wir uns erholen hören wir in der Ferne immer noch Detonationen, sehen Lichtblitze am Horizont und fragen uns: Ist das alles wirklich nötig? Buster, 01.01.04