Öffentliche-Verkehrs-Folter Öffentliche Verkehrsmittel sind ein unerschöpflicher Quell nervtötender Mitmenschen. Jeden Morgen zu den unchristlichsten Zeiten strömen sie aus einem verborgenen Nest und mischen sich unter die hart arbeitende (oder studierende) Bevölkerung, die auf kleinstem Raum eingepfercht und schlaftrunken auf dem Weg zur täglichen Schufterei ist und eigentlich nur eins will: Noch ein paar Minuten Ruhe! Aber nichtsda! Kaum hat man morgens um sechs mit winzigen Augen die grellbeleuchtete S- Bahn betreten und auf einem der Sitze platzgenommen deren ursprüngliches Muster durch ein neues aus Bierflecken und Kaugummiresten bestehendes ersetzt wurde, da kommen sie schon angekrochen: Zuerst unbemerkt hinter der scheinbar harmlosen Fassade eines korrekt gekleideten Bankangestellten oder einer jungen Frau getarnt, sind die gefährlichen Quälgeister schon daran zu erkennen, dass sie sich IMMER direkt neben mich setzen, obwohl die beiden Sitze gegenüber ebenfalls frei sind. Meinen missbilligenden Blick bemerkend entschuldigen sie dieses aufdringliche Verhalten manchmal damit, dass sie „einfach nicht entgegen der Fahrtrichtung" oder wahlweise „partout nicht in Fahrtrichtung" sitzen können, weil ihnen sonst schlecht wird. Schlecht? Das hier ist kein Segelschiff, Mann, wir sitzen in einer S-Bahn! Nun gut, mit diesem Fehlverhalten kann ich leben. Aber jetzt geht die Show erst richtig los. Es handelt sich bei meinem körperwärme-suchenden Sitznachbarn um den Typ „Zeitungs- Imperialisten", also ist als nächstes mit der Tageszeitungs-Attacke zu rechnen. Unbemerkt befördert er die FAZ aus seinem Aktenkoffer ans Tageslicht um sie dann mit einer ruckartigen Bewegung aufzuschlagen, wobei seine linke Hand nur Zentimeter an meinem Gesicht vorbeischnellt. Für den Rest der Fahrt beschlagnahmt er mit seiner großformatigen Tageszeitung ein Gebiet im Abteil, dass die Größe eines kleinen Landes hat und versperrt mir mit dem Papierwald den Blick aus dem Fenster, während mir alle 30 Sekunden der Sportteil auf die Füße fällt, den er daraufhin mit unermüdlicher Geduld aufhebt und in sein Zeitungs- Pamphlet zurücksteckt. Das nervtötende Geraschel das jeder 2 Minuten dauernde Umblättervorgang verursacht muss ich wohl nicht extra erwähnen. Bei Seite 6 wird es mir zu bunt und ich dränge mich am Informationsjunkie vorbei und suche mir einen neuen Platz. Zu spät bemerke ich, dass ich damit in den tödlichen Einflussbereich des zweiten Nervensägen-Typus gelangt bin: Der „Handyton-Tester". Schon holt er sein schreckliches Folterinstrument hervor. Von nun an werden sämtliche Klingeltöne des Modells (je nach Hersteller zwischen 10 und 100) probegehört, möglicherweise um sich zu vergewissern, dass auch noch alle da sind, oder aber weil man fürchtet bisher einen überhört zu haben. Vielleicht sitze ich aber auch neben einem zukünftigen „Wetten Dass!?" Kandidaten, der gerade mitten in der Trainingsphase ist? Der Handy-Terrorist wird kurzzeitig von einem Anruf unterbrochen. Aufgrund der schlechten Verbindung kann er sich jedoch nur schreiend mit seinem Gesprächspartner unterhalten. Ich ergreife die Flucht, nicht ohne dem Verbrecher noch völlig unbeabsichtigt mit meinem vollen Körpergewicht auf den Fuß zu steigen. Eine völlig freie Sitzgruppe verheißt Ruhe und Entspannung. Ich bin gerade dabei genüsslich meine Beine auszustrecken, als wir die nächste Haltestelle erreichen und das Grauen seinen Lauf nimmt: Zu mir gesellen sich drei Frauen mittleren Alters. Zwecklos es leugnen zu wollen, ich bin soeben eindeutig in die Fänge von drei Labertaschen gelangt. Codename „gackerndes Huhn". Mich mit keiner Faser ihres Seins wahrnehmend beginnen die Damen damit, sämtliche Erlebnisse der vergangenen 6 Monate detailgenau aufzuschlüsseln und zu analysieren. Das Ganze spielt sich in einer Lautstärke ab, die unmissverständlich klarmacht, dass die drei sichergehen wollen, von jedem in ihrer Umgebung verstanden zu werden. 20 Minuten später kenne ich die gesamte Geschichte der schwierigen Geburt des jüngsten Sprosses der Dame links von mir, weiß genauestens über die schlimmen hygienischen Verhältnisse ihrer Nachbarn bescheid, habe erfahren mit wem, wann und wo die Dame schräg gegenüber von mir in den letzten Monaten körperlichen Kontakt hatte und verdanke ihrer, mir gegenüber sitzenden Freundin ein todsicheres Mittel um Blutflecken aus weißen Baumwollhemden zu entfernen. Mein Nervengerüst ist völlig am Ende, als ich endlich zitternd den Zug verlasse und ich schaue mich noch mehrmals panisch um, ob mich nicht vielleicht einer meiner Peiniger verfolgt. Einige Minuten spätere kauere ich blass an einem Tisch in der Mensa und versuche nur noch zu vergessen, bis mich ein munterer Kommilitone freundlich darauf hinweist, dass ich völlig mitgenommen aussehe. „Dabei fährst du doch mit der Bahn", meint er, „da hast du doch morgens noch alle Zeit der Welt um zu entspannen." callbunny, 08.02.04