Fernseherinnerungen meiner Kindheit – Teil I Diejenigen unter Ihnen, liebe Leser, die selber schon Kinder haben werden es aus leidvoller Erfahrung wissen: Die Kids schauen sich heutzutage nur noch Müll in der Glotze an. Zappt man sich einmal wochentags zwischen 12 und 16 Uhr durch RTL2 den Merchandise- Kommerz-Sender Nummer eins, so fühlt man sich zunächst in fremde, fernöstliche Fernsehwelten verschlagen. Serien mit kryptischen Bezeichnungen wie „Yu-Gi-Oh", „Digimon Frontier", „Beyblade" und nicht zuletzt das Flaggschiff „Pokemon" thematisieren solch erstaunliche Dinge wie etwa sich in monströse Maschinen verwandelnde Knaben, todbringende Kartenspiele, die Dämonen beschwören können, wieselartige Nagetiere, die ihre Gegner mit Stromschlägen peinigen oder gar gefährliche, von einem unerklärlichen Eigenleben besessene Kreisel. Die Macher dieser Serien scheinen sich dabei stets größte Mühe zu geben auch ja keinerlei Realitätsbezug herzustellen, so dass das ganze eher wie ein LSD-Horrortrip als wie Kinderunterhaltung anmutet. Betrachtet man die Geschichten mit den aufgeklärten Augen eines Erwachsenen wird schnell klar, dass sie einzig und allein darauf abzielen, den Kids das Geld aus den Taschen zu leiern. So lernen unsere kleinen vielleicht zumindest zwei Dinge fürs Leben: Marketingstrategien und Japanisch. In solchen Momenten, wenn ich mal wieder kopfschüttelnd vor dem Fernseher sitze, schwelge ich an Erinnerungen an die friedlichen, liebevollen und lehrreichen Serien meiner eigenen Kindheit. Können Sie sich noch an „Hallo Spencer" erinnern? Ich fürchte es handelte sich dabei um eine West-Sendung. Mein Mitgefühl geht an all die Bürger aus dem ehemaligen Osten unseres Landes. „Hallo Spencer" ließ uns am Alltag einer kleinen Dorfgemeinschaft von lustigen Handpuppen teilhaben. Eine ständige Analogie auf die Menschen und ihre Marotten, die den Jungs und Mädchen etwas über das Leben beibrachte. Spencer selbst ist sozusagen der Moderator der Show. Ständig durch Rohrpost und Kameras, die jeden Winkel des Dorfes erfassten, über alle Ereignisse auf dem laufenden verschafft er sich und uns intime Einblicke in das Privatleben seiner Mitpuppen. Sie müssen sich das ungefähr so vorstellen wie in „Sliver". Der ältliche Spencer in seinem braunen Cord-Anzug und Kappe ist sozusagen der geifernde Spanner des Dorfes. Jemand den man heute mit einem Nachtsichtgerät gegenüber der Wohnung einer jungen Frau erwarten würde. Spencer hat zudem einen unterbezahlten Angestellten, den cholerischen Laufburschen Elvis. Der beliebteste Junggeselle des Spencerdorfes ist stets umschwärmt von allen heißen Bräuten der Nachbarschaft. Elvis selbst wirkt jedoch eher tuntig. Seine Alibi-Partnerschaft mit der attraktiven Lulu hält er höchstwahrscheinlich nur aufrecht, um seinen dunklen Geschäften nachgehen zu können. Ich selbst vermute hinter Elvis heute einen Crack-Dealer, der das Zeug aus dem psychedelisch bemalten Wohnwagen seiner Freundin vercheckt. Zu Elvis glühendsten Verehrerinnen gehören die Zwillinge Mona und Lisa. Die männerverschlingenden Schwestern wohnen auf einem Hausboot. Hier betreiben sie auch ihr gemeinsames Domina-Studio. Nach außen hin stellen sich die beiden verdorbenen Mädchen gerne als unschuldig und naiv dar, tatsächlich aber sind sie berechnend und verschlagen. Dann gibt es da noch Nepomuk und Kasimir. Damals war mir noch nicht klar, dass die beiden Waldbewohner eindeutig eine schwule Beziehung führen. Nepomuk ist seines Zeichens Bildhauer. Um seine Kreativität zu steigern griff er zu Drogen und wurde von Elvis Stoff abhängig. Als Lustknaben hält er sich das kleine Eichhörnchen Kasimir. Kasi wohnt in der Kastanie neben Nepomuks Schloss und ist so jederzeit für seinen gestrengen Herrn verfügbar. Teil des Spencer-Drogensumpfes und ebenfalls einer von Elvis besten Kunden ist auch Lexi. Das wurmartige Geschöpf wohnt in einem überdimensionalen Pilz und verrät sich dadurch selbst. Offensichtlicher hätte man es nicht gestalten können. Waldorf-Kind und Sozialfall der Gemeinde ist der Jungdrache Poldi. Er hat ein notorisches Problem mit der deutschen Sprache und bewohnt die Slums des Spencer-Dorfes. Würde man die Serie neu auflegen, so könnte ich mir Poldi mit einem dichten Oberlippenbart und türkischem Slang vorstellen: „Ey, pass auf, isch will dir fressen, isch schwör!". Eine Kinderserie wie sie sein sollte also. Rundum geeignet die zarten, jungen Seelen zu psychisch gefestigten Erwachsenen heranwachsen zu lassen. Und ich bin davon überzeugt, dass ich es auch „Hallo Spencer" zu verdanken habe, dass ich mich heute in unserer ach so verrückten Welt so gut zurechtfinde. Ich kann zwar kein Japanisch, aber dafür weiß ich darüber Bescheid, was Drogen anrichten können. Und beim nächsten Mal erzähle ich Ihnen vielleicht etwas über die Sesamstraße. Z.B warum Grobi immer so aufgekratzt ist... Callbunny, 20.03.04